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Lieber F.,

ich hab dich nicht gekannt und du mich auch nicht.
Unsere virtuellen Wege kreuzten sich erst, als du schon fest entschlossen warst, dein Leben zu beenden.

Ein Foto von einem Glas voller Tabletten, einige Minuten später ein Foto von S-Bahn-Gleisen; durch diese beiden Bilder bin ich auf dich aufmerksam geworden.

Wusstest du, dass es auf Twitter Leute gibt, die um der Followerzahl willen schwere Krankheiten vortäuschen oder sogar mit Selbstmord drohen, einfach, damit sie wenigstens virtuell die Beachtung bekommen, die ihnen im Alltag fehlt?
Ich wusste das bis vor ein paar Monaten auch nicht.
Als ich deine Fotos sah, habe ich kurz gezögert und überlegt, ob du auch “so einer” bist. So einer, der ein paar Minuten Ruhm will und deswegen jeden Anstand fallen lässt, Hauptsache, man beachtet ihn.
Mir gingen auf einmal so viele Dinge durch den Kopf.
Es ist schon seltsam, an was man alles in wenigen Minuten denken kann …

Ich musste an meinen Onkel denken, der sich das Leben nahm, als ich zehn Jahre alt war. Er war ein erfolgreicher Arzt, international angesehen, immer fröhlich, Typ “zerstreuter Professor”. Niemand hat geahnt, wie es ihm wirklich ging, seine Fassade war die perfekte Täuschung, sein Selbstmord kam aus dem Nichts.

Ich musste an eine Verwandte denken, die ich nie kennengelernt habe. Sie litt an einer unheilbaren Krankheit und hat sich wenige Monate vor meiner Geburt das Leben genommen.

Ich musste an eine andere, mir nahestehende Person denken, die viel Schlimmes im Leben erleiden musste und ihre Traumata nie verarbeitet hat. Die dadurch schwere Depressionen bekam, dachte, sie sei eine Last, dachte, sie könne nie wieder fröhlich sein, und sich vor elf Jahren das Leben nehmen wollte. Zum Glück blieb es bei dem Versuch. Heute geht es ihr gut und sie ist dankbar dafür, dass es nicht geklappt hat.

Ich musste an all die vielen Leute aus meinem Bekannten- und Freundeskreis denken, die an Depressionen leiden oder litten.

Hätten wir uns früher kennengelernt, lieber F., hätte ich dir vielleicht von ihnen erzählt.

Vielleicht hätte ich dir sogar erzählt, dass ich ebenfalls diese dunklen Stunden kenne, in denen man einfach nur noch weg sein will. Ich hätte dir vielleicht von den schlimmen Dingen erzählt, die Wunden in meiner Seele hinterlassen haben, die nie ganz zuheilen werden.
Ich hätte dir vielleicht von meinem gebrochenen Herzen erzählt und dem Kummer, an dem ich in den letzten Monaten beinahe erstickt wäre.
Und dann hätte ich dir von meinen Katzen erzählt, die, wie schlecht es mir auch geht, immer ein Lächeln in mein Gesicht zaubern.
Ich hätte dir von meinem imaginären Ruheort erzählt, an den ich mich gerne zurückziehe, und von meinem Star-Trek-Schutzschild, das ich in Gedanken hochfahre, wenn mir jemand zu nahe kommt und meine Grenzen überschreitet.

Ich hätte dir von dem Glück erzählt, in meinen dunkelsten Stunden so viel Unterstützung von Familie, Freunden und auch Fremden erfahren zu haben; von dem Glück, am Tiefpunkt meines Lebens durch Zufall in meinen Traumjob geschlittert zu sein und dank Twitter meine gute Fee kennengelernt zu haben, die mir den Glauben an das Gute im Menschen zurückgegeben hat.
Ich hätte dir ganz sicher von meinen Freunden erzählt, auf die ich immer zählen kann, genauso, wie sie immer auf mich zählen können, und die mein „Es ist alles in Ordnung“ ganz genau durchschauen und dann auch nachhaken, selbst wenn ich abblocke. Echte Freunde, die mich niemals aufgegeben haben.

Ich hätte dir von diesen winzigkleinen Dingen erzählt, solchen wie dem Regenbogen, den ich neulich hinter dem Fernsehturm gesehen habe oder dem kleinen Jungen, der mir in der Tram einen Heiratsantrag gemacht hat, von all diesen kleinen Erlebnissen, die das Leben immer wieder für mich lebenswert machen, und von der Erkenntnis, dass es nach jeder Talfahrt immer irgendwann bergauf geht, so kitschig und phrasenhaft das auch klingt.

An all das musste ich denken.
Rückblickend kommen mir diese Minuten, die ich an diese Gedanken verschwendet habe, unglaublich lang vor. Zu lang. Ich kann es an den Zeitstempeln bei Twitter und der polizeilichen Hinweisbestätigung sehen, es waren drei Minuten. Drei lange Minuten, bis ich zum Telefon gegriffen und die Polizei angerufen hab.
Der Polizist nahm die Sache sofort ernst und dank des Kollegen von der Internetwache und den vielen Menschen auf Twitter, die sich sofort daran machten, herauszufinden, wo du steckst, konnten die ersten Einsatzkräfte schon wenige Minuten später bei dir sein.
Leider nicht schnell genug. Und ich frage mich, ob es etwas gebracht hätte, wären sie drei Minuten schneller bei dir gewesen.

Du wolltest sterben, und deine letzten Tweets waren kein Hilferuf. Sie waren das, was der Abschiedsbrief der mir nahestehenden Person sein sollte: eine Anklage.
Ein „ich gehe und ich will, dass ihr euch scheiße fühlt“. Oder?

Ich fühle mich scheiße.
Wenn das dein letzter Wunsch war, so ist er in Erfüllung gegangen.
Vielen anderen geht es genauso.
Ich mag mir nicht ausmalen, wie es dem S-Bahnfahrer geht, den du zum Mordinstrument auserkoren hast. Oder den Leuten, die alles mit ansehen mussten, oder den Einsatzkräften.
Da sind so verdammt viele Menschen auf Twitter, die wegen dir Tränen vergießen, die dich um jeden Preis retten wollten!
So viele Menschen, die dich nicht persönlich kannten und dennoch wollten, dass du LEBST!

Ich wünsche mir sehr, dass du das noch mitbekommen hast.
Und dass du nicht mehr mitbekommen hast, wie die Kanalratten aus ihren Löchern gekrochen sind. Diese verbitterten, herzlosen, missgünstigen Menschen, die noch auf die eintreten und hinunterspucken, die ohnehin schon am Boden liegen. Die, die sich nur groß fühlen können, wenn sie andere klein machen und die statt eines Herzens eine Schlangengrube in der Brust tragen. Diese Menschen, die mich so anwidern, dass ich keine Worte dafür finde.

Ich wünschte, du hättest eher etwas gesagt. Dass es dir wirklich schlecht geht oder dass du Hilfe brauchst.
Die Menschen sind nicht alle schlecht, es gibt so viele gute, so viele, die dir sicher zugehört hätten und die dir geholfen hätten, die dich vielleicht hätten überzeugen können, dass du in professionelle Hände gehörst und dass die Welt nicht immer so schwarz aussehen wird.
Wenn man mit den Leuten spricht, also so richtig spricht, jenseits von all dem oberflächlichen Small-Talk-Gelaber, dann stellt man schnell fest, dass jeder irgendwen kennt, der an Depressionen leidet oder dass die Leute sogar selbst damit Erfahrungen machen mussten.

Leider leben wir immer noch in einer Welt, in der man über „so etwas“ nicht offen spricht, weil es einfach noch zu viele unbelehrbare Arschgeigen gibt, die glauben, man könne Depressionen mit purer Willenskraft besiegen. Gerade in einer großen Stadt wie Berlin, in der Selbstmord leider zur Tagesordnung gehört, wird das Thema dennoch totgeschwiegen.
Nein, mit einem „Reiß dich zusammen!“ ist es bei Depressionen ebenso wenig getan wie bei Krebs oder einem gebrochenen Bein. Und dennoch werden Krebs oder das gebrochene Bein einfach akzeptiert, weil es sichtbare, greifbare Probleme sind, während man über seelische Leiden immer noch den gesellschaftlichen Tarnmantel deckt und sie als Charakterschwäche, als Faulheit, als widerlichen Makel deklariert. Man sagt, Depressionen seien der Krebs der Seele, und dennoch nehmen immer noch so viele Menschen diese Erkrankung nicht ernst.
Das Problem dabei ist, dass das auch immer so bleiben wird, solange sich die meisten Betroffenen und Angehörigen nicht trauen, darüber zu reden.

Ich weiß, dass es für dich, F., jetzt zu spät ist. Dennoch habe ich das Bedürfnis, einen Anfang zu machen. Damit das alles nicht umsonst war, damit sich vielleicht auch andere trauen.

Ich habe Depressionen. Nicht erst seit gestern, sondern schon sehr lange. Ich habe gute und ich habe schlechte Phasen, und niemand, der mich sieht und mich nicht näher kennt, käme auf die Idee, dass ich psychisch krank sein könnte. Ich funktioniere, zumindest nach außen hin, oft genug aber auch im Gesamten. Meine Kollegen halten mich für den fröhlichsten Menschen der Welt und manchmal halte ich mich sogar selbst dafür. Ich funktioniere, weil ich Hilfe angenommen habe, schon vor langer Zeit, und weil ich das biochemische Ungleichgewicht in meinem Kopf akzeptiert habe, ebenso wie die Tatsache, dass das nicht von alleine weggeht und ich, um wie ein gesunder Mensch leben zu können, jeden Tag Medikamente nehmen muss. Ich gehe jeden Tag meiner Arbeit nach und ich glaube, ich mache sie recht gut. Ich habe Freunde, ich habe eine schwierige und dennoch tolle Familie, ich habe meine Katzen; ich mache Sport, habe Hobbys und bis vor einem Jahr hatte ich auch eine Beziehung, die immerhin zehn Jahre gehalten hat. Ich bin auf den ersten Blick also völlig normal und genau so, wie man dem gesellschaftlichen Etikett nach sein soll.

Und jetzt überleg mal. Wenn es da draußen viele gibt, die wie ich sind, dann gibt es auch viele, die diese hoffnungslosen Gefühle kennen. Sind wir alle nicht der Beweis, dass man damit leben kann? Dass man trotzdem auch gute Momente, Spaß, Lebensfreude haben kann?

Ich wünsche mir so sehr, dass alle, die an ähnliches denken wie das, was du getan hast, diese Zeilen lesen, mir glauben, und ein wenig Hoffnung schöpfen können.
Ich wünsche mir, dass sie diesen einfachen Satz aussprechen: Ich brauche Hilfe.
Und dass sie diese Hilfe bekommen, sie annehmen und irgendwann den Lichtstreif am Horizont sehen können.

Ich hoffe, du hast deinen Frieden gefunden.
Wir anderen, die du zurückgelassen hast mit all diesem Wissen, wir werden wohl noch eine Weile brauchen.

 

 

Lesenswerte Links zum Thema Verhalten der Masse in sozialen Netzwerken:

http://netz-fragmente.de/149/das-bizarre-verhalten-der-crowd-vermisstensuchen-bei-facebook/

http://netz-fragmente.de/154/social-media-wie-die-anonymitat-personlich-wird/

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